„Alles verlangsamen auf ein gesundes Tempo“

Thomas Geierspichler hat sportlich alles erreicht, was man erreichen kann. Er ist zweifacher Paralympics-Sieger, Weltrekordhalter, mehrfacher Welt- und Europameister sowie Sportler des Jahres – kurz: Ein absoluter Superstar in seiner Sportart, dem Rennrollstuhlfahren.

Aber den größten Sieg hat der Salzburger abseits der Rennbahnen gefeiert: Nämlich den Sieg über sich selbst. „Erst nach jahrelangem Davonlaufen und Benebeln konnte ich mein Schicksal annehmen, mein Haupt wieder heben und nach vorne schauen. Ich bin dankbar, dass ich wieder eine Kraft und Perspektive bekommen habe“, erklärt der 44-Jährige.

Im Interview verrät Geierspichler außerdem, warum er sich mehr Entschleunigung wünschen würde, mit wem er gerne mal einen Abend verbringen will und was das Extremste war, das er jemals gemacht hat.

DIE STRASSE DER SIEGER: Wofür bist du besonders dankbar in deinem Leben?

Thomas Geierspichler: Dass ich wieder ins Leben zurückgefunden habe. Darauf ist alles gegründet. Wie ich denke und wie ich meinen Frieden gefunden habe. Ich habe nach meinem Unfall lange mit der Situation gehadert, ich wollte es nicht wahrhaben und habe alles verdrängt. Erst nach jahrelangem Davonlaufen und Benebeln konnte ich mein Schicksal annehmen, mein Haupt wieder heben und nach vorne schauen. Ich bin dankbar, dass ich wieder eine Kraft und Perspektive bekommen habe.

Welches Talent würde man dir nicht zutrauen?

Rasenmähen (lacht). Ich glaube, ich mach‘ das ziemlich gut und sauber. Und Chilli züchten. Dafür habe ich eine Leidenschaft und Liebe.

Welche Erfindung bewunderst du am meisten?

Das sind gleich drei Sachen: Fernseher, Auto und Foto-Apparat. Ich finde es faszinierend, was damit alles möglich ist.

Ich finde ihn als Typen super und glaube, dass man mit ihm einen geilen Abend haben kann. Da würde mir bestimmt nie langweilig werden.

Thomas Geierspichler würde gerne mal mit Dominik Paris einen Abend verbringen

Wenn du eine Sache auf dieser Erde ändern könntest, welche wäre das?

Ich würde für mehr Entschleunigung sorgen. Alles verlangsamen auf ein Tempo, bei dem man gesund mitkommt. Daraus resultiert dann mehr Ruhe in sich selbst und mehr Friede und Liebe zueinander. Früher hat man auch noch die Dinge so produziert, dass sie möglichst lange gehalten haben. Jetzt sind wir zur Wegwerf-Gesellschaft mutiert. Das würde ich ebenfalls ändern.

Mit welcher Person möchtest du an der Hotelbar mal was trinken und warum?

Mit Dominik Paris (lacht). Geburtstag feiern. Wir haben nämlich am selben Tag. Ich finde ihn als Typen super und glaube, dass man mit ihm einen geilen Abend haben kann. Da würde mir bestimmt nie langweilig werden.

Wann hattest du das letzte Mal das Gefühl, wirklich lebendig und leidenschaftlich zu sein?

Das war, als ich vor kurzem auf meinem Rasenmähertraktor saß und den ersten Schnitt machte. Ich bin ja ein Mensch, der relativ schnell zufrieden ist und der viel von der Vorfreude auf gewisse Dinge lebt. Als ich dann oben saß und den Wind spürte, dachte ich nur: „Das Leben ist so schön.“ Rasenmähen ist für mich einfach befreiend und meditativ.

Wenn du wüsstest, dass wir morgen alle sterben, wen würdest du noch besuchen? Dominik Paris (lacht). Aber im Ernst: Es gibt eigentlich keine Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe und die ich dann besuchen wollen würde. Zu Leuten, die mir wichtig sind, halte ich ohnehin regelmäßig Kontakt. Es gibt nichts, das ich noch aufarbeiten müsste.

Thomas Geierspichler unterstützt „Die Straße der Sieger“ als Botschafter.

Was würdest du gerne noch lernen?

Bei mir ist es so, dass ich Dinge, die ich gerne können möchte, auch ausprobiere bzw. konsequent in Angriff nehme. Wie zum Beispiel Gitarre spielen. Das wollte ich immer können, nur musste ich das leider aufgrund meiner eingeschränkten Fingerfunktion wieder aufhören. Was ich mir allerdings fix vorgenommen habe, ist mein Tennis zu verbessern.

Was war das Extremste, das du je in deinem Leben gemacht hast?

Als ich bei Hermann Maiers Olympiasieg die österreichische Bundeshymne gehört hab‘ und es mir die Tränen herausgedrückt hat, habe ich den Beschluss gefasst, dass für mich auch einmal die österreichische Bundeshymne gespielt werden soll. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass ich ebenfalls Olympiasieger werden wollte. Ich habe es gewagt, mir diesen Traum zu eröffnen.

Was macht dich nervös und warum? Ich fühle durch meine Gelähmtheit bei gewissen Dingen eine Ohnmacht. Wenn ich zum Beispiel mit einer Flex arbeite, habe ich nicht vor der Flex an sich Angst, sondern vor der Tatsache, dass ich nichts machen könnte, wenn sie mir aus der Hand fällt. Diese Hilflosigkeit geht mir durch Mark und Bein.

Interview: Kurt Vierthaler